Erfahrungsbericht: Über die Unterbringung im Internat

Als die Zeit von der Schulvorbereitenden Einrichtung (SVE) für Patrick zu Ende ging, fing die Diskussion bei uns in der Familie über die Schule an.


Der Leiter der SVE-Lebenshilfe empfahl uns, Patrick in ein Förderzentrum für körperliche und motorische Entwicklung zu bringen. Wir begannen erst, bei der Grundschule vor Ort nachzufragen, ob dort eine Einschulung möglich wäre. Der Rektor war zwar nicht abgeneigt, aber die weiteren Gespräche zeigten, dass es für Patrick nicht das Richtige ist und so gingen wir auf die Körperbehindertenschule (K-Schule) in Coburg zu.


Zunächst wurde uns die Einrichtung gezeigt und die Schulleitung vorgestellt. Der erste Eindruck war soweit ganz in Ordnung. Besonders gefallen hat uns die Herzlichkeit, mit der wir empfangen wurden. Es wurde getestet, wo Patrick Förderbedarf hat und wir wurden gefragt, was wir uns von der Schule erwarten. Positiv war, dass eine für Patrick zugeschnittene Therapie für körperliche und motorische Entwicklung in der Einrichtung durchgeführt werden kann.


Der Entschluss, Patrick in die K-Schule zu schicken stand nun fest. Jetzt musste nur noch abgeklärt werden, wie der Fahrdienst läuft. Das erste Problem war die Entfernung. Diese war zu weit und wir hätten Patrick in die Nachbargemeinde (5 km entfernt) fahren müssen, um ihn dort in den Schulbus zu setzen. Das zweite Problem wäre die Zeit gewesen, da eine Fahrzeit von 2-2,5 Std. im Raum stand. Von der Schule heimkommen, dann Hausaufgaben machen, anschließend noch Verbinden - da wäre nicht viel Zeit zum Spielen geblieben.


Als Alternative wurde uns eine Unterbringung im 4-Tages-Internat angeboten. Da mussten wir erst einmal Schlucken. Wir machten trotzdem einen Termin beim Internatsleiter aus und besuchten die Einrichtung. Die dort zuständigen Personen waren uns auf Anhieb sympathisch und es entstand ein offenes Gespräch darüber, ob es möglich wäre, Patrick aufzunehmen oder nicht. Aber die Leitung und die Betreuerinnen meinten: "Das kriegen wir schon hin." Nach einer längeren Diskussion über das Für und Wider einer Internatsunterbringung fiel es uns nicht leicht, eine Entscheidung zu treffen. Doch als Patrick beim Essen meinte, er könne sich das Ganze ja einmal anschauen und wenn es ihm nicht gefällt, könne er ja wieder nach Hause kommen, war das der Ausschlag für das Internat und wir machten alles Weitere mit dem Internatsleiter aus.


Nach Absprache sollte meine Frau und Patricks Mutter Gabi die ersten Wochen und Tage mit im Internat sein, um den Umgang mit unserem Sohn zu erklären und die medizinische Pflege zu zeigen. Die erste Woche war Gabi komplett mit in der Internatsgruppe untergebracht und leitete das Personal an. Der herzliche Umgang und die positive Einstellung brachten schnell erste Ziele zu Tage. In der zweiten und dritten Woche kam Gabi nur noch zum Verbinden vorbei, wobei es die Betreuerinnen nach einmal Zuschauen selber versuchten. Gabi musste nur bei Kleinigkeiten helfen.


Durch die positive Einstellung und dem (relativ) normalen Umgang mit der Erkrankung, entwickelte sich alles recht schnell und gut. Nachdem die ungewohnte Anfangsphase mit der Leere und dem dummen Gefühl, Patrick allein zu lassen, vorbei war, nahm unser Alltag wieder eine normale Form an.


Jetzt nach Jahren können wir ein positives Resümee ziehen: Patrick fühlte sich in der Gruppe wohl und hat dort seinen festen Freundeskreis. Er lernte im Internat Sachen, für die uns zu Hause die Zeit und auch manchmal die Nerven fehlten. Er lernte das soziale Verhalten in der Gruppe. Sein Selbstbewusstsein wurde gefördert. Er lernte, selbstständig sein Leben zu führen, den Umgang mit Geld, das Einkaufen in der Stadt. Die Gruppe ging öfter ins Kino und in den Ferien auf Freizeit bzw. Ausflüge. Das konnten wir zu Hause alles nicht in diesem Umfang leisten, dazu fehlte uns einfach die Zeit. Patrick war mit der Situation zufrieden und glücklich. Uns war damit sehr geholfen und wir hatten das sichere Gefühl, das Richtige getan zu haben. Wenn Patrick von Montagmorgen bis Freitagnachmittag im Internat war, blieb für uns mehr Zeit, uns um unsere Tochter und um uns zu kümmern.


Die Angst und das dumme Gefühl zu überwinden, ist eine schwere Sache, aber am Ende zeigte sich für uns, dass der Weg richtig war. Wir können jedem nur empfehlen, sich ein Internat mal genauer anzuschauen und sich dort beim Leiter kundig zu machen. Bei der Entscheidung sollte das Kind am besten mit einbezogen werden.


*** Patrick ist inzwischen 23 Jahre alt und leidet an Epidermolysis Bullosa dystrophica.


Der Beitrag wurde verfasst von Georg Porzel, Vater von Patrick und Geschäftsführer der Adservior gemeinnützige GmbH.


Foto: Patrick bei seiner Einschulung.



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